Ist tiefes Atmen immer gesund?
„Atme einmal richtig tief durch.“ Diesen Satz kennen viele – und oft fühlt sich ein bewusster Atemzug tatsächlich angenehm an. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass tiefer oder mehr zu atmen grundsätzlich besser ist.
Entscheidend ist, wie viel Luft wir im Verhältnis zum aktuellen Bedarf bewegen. Denn unsere Atmung versorgt den Körper mit Sauerstoff und reguliert gleichzeitig, wie viel Kohlendioxid (CO₂) wir abatmen.
Auf dieser Seite schauen wir genauer hin: Was bedeutet „tief atmen“ eigentlich, wann kann es sinnvoll sein – und warum kann zu viel Atmung körperliche Reaktionen auslösen?
Was bedeutet „tief atmen“ eigentlich?
Im Alltag wird „tief atmen“ häufig mit viel Luft einatmen gleichgesetzt. Physiologisch sind Atemtiefe und Atemvolumen jedoch nur ein Teil des Bildes. Ebenso wichtig ist, wie häufig wir atmen und wie viel Luft dadurch insgesamt bewegt wird.
Atmen wir dauerhaft mehr, als der Körper in diesem Moment benötigt, sprechen wir von Überatmung oder Hyperventilation. Dabei wird vermehrt CO₂ abgeatmet. Der Sauerstoffgehalt des Blutes steigt dagegen bei gesunden Menschen meist nur gering, da das Hämoglobin bereits weitgehend mit Sauerstoff gesättigt ist.
Eine angenehme, funktionale Atmung muss deshalb weder besonders groß noch besonders tief sein. Sie darf sich leicht, ruhig und dem jeweiligen Bedarf angepasst anfühlen.
Mehr atmen bedeutet nicht automatisch mehr Sauerstoff
Die Vorstellung klingt zunächst logisch: Wenn wir mehr Luft einatmen, müsste dem Körper auch mehr Sauerstoff zur Verfügung stehen. Bei gesunden Menschen ist das Blut unter normalen Bedingungen jedoch bereits sehr gut mit Sauerstoff gesättigt.
Stärkeres Atmen verändert deshalb vor allem einen anderen Wert: CO₂ sinkt. Das ist relevant, weil Kohlendioxid an der Regulation des Säure-Basen-Haushalts, der Durchblutung und der Sauerstoffabgabe aus dem Hämoglobin beteiligt ist.
Wird deutlich mehr CO₂ abgeatmet als produziert, können unter anderem Schwindel, Kribbeln, Benommenheit oder ein Gefühl von Enge auftreten. Mehr Atmung kann sich also deutlich bemerkbar machen, ohne dass ein Sauerstoffmangel dahintersteht.
Wann kann tiefes Atmen sinnvoll sein?
Ein bewusster größerer Atemzug kann sich wohltuend anfühlen. Auch Seufzen ist ein natürlicher Bestandteil unserer Atmung und unterstützt unter anderem dabei, die Lunge immer wieder vollständig zu entfalten.
Bei Atemübungen kann eine bewusst vertiefte Atmung ebenfalls sinnvoll sein. Entscheidend sind Ziel, Dauer, Atemfrequenz und Atemvolumen. Eine langsamere Atmung kann beispielsweise etwas tiefer werden, ohne dass dadurch automatisch zu viel Luft bewegt wird.
Die hilfreichere Frage lautet deshalb weniger: „Atme ich tief genug?“, sondern: „Passt meine Atmung gerade zu meinem Körper und zu dem, was ich tue?“
Was bedeutet das für den Alltag?
Für eine gute Atmung gibt es kein möglichst großes Atemvolumen, das wir erreichen müssten. Unser Atem passt sich fortlaufend an Bewegung, Ruhe, Sprechen, Emotionen und andere Anforderungen an.
Im Alltag lohnt es sich deshalb eher, die eigene Atmung zunächst wahrzunehmen: Atme ich ruhig oder angestrengt? Durch Nase oder Mund? Fließt mein Atem oder halte ich ihn immer wieder unbewusst an?
Eine funktionale Atmung orientiert sich am tatsächlichen Bedarf des Körpers. Bewusste Atemarbeit kann dabei helfen, die eigene Atmung besser kennenzulernen und einen feineren Umgang mit ihr zu entwickeln.
Mehr ist beim Atmen nicht automatisch besser. Passender ist oft die interessantere Richtung.